FAZ 06.05.2026
15:26 Uhr

Mainzer Straßenbahnen: Netzausbau mit Verstand


Teuer und für alle anderen Verkehrsteilnehmer nur schwer erträglich: In Mainz hat man offenbar verlernt, wie Großbaustellen richtig zu managen sind. Da vergeht die Lust auf eine neue Tram-Linie.

Mainzer Straßenbahnen: Netzausbau mit Verstand

Straßenbahnen sind laut Kundenbefragungen beliebt. Und auch die Erfolgsgeschichte der Mainzelbahn, die seit zehn Jahren auf einer damals neu geschaffenen Trasse zwischen Bahnhof West, Universität und Medienberg verkehrt, bestätigt den Eindruck, dass sich viele Fahrgäste lieber von einer geräumigen Tram als einem schaukelnden Bus durch die Stadt bringen lassen. Allerdings verschlingt jede Netzerweiterung viel Geld: Im Fall der Mainzelbahn dürften es rund 100 Millionen Euro für die knapp zehn Kilometer lange Zusatzlinie gewesen sein. Noch dazu zehren die dafür erforderlichen Großbaustellen,  wie aktuell etwa auf der Binger Straße, an den Nerven von Anwohnern und Autofahrern. Und ehrlich gesagt hat das Baustellen- und Verkehrsmanagement in Mainz früher besser funktioniert. Warum zum Beispiel die nur drei Kilometer lange Gleisverbindung vom Bahnhof West zur Endhaltstelle in Bretzenheim seit Monaten wie umgepflügt wirkt und der Straßenraum großflächig als Materiallager und Schuttplatz genutzt werden darf, erschließt sich dem nur unter Mühen vorbeifahrenden Laien nicht. Die Verkehrsführung – vor allem im Abschnitt Am Wildgraben – ist eine andauernde Katastrophe. Was rund um die Baustelle und in der Verwaltung bisher allerdings keinen zu interessieren scheint. Wer sich zudem anschaut, was sich seit Sommer 2024 auf der gleichfalls durchgewalkten Binger Straße und rund um den Hauptbahnhof so alles tut  beziehungsweise nicht tut, wünscht sich vermutlich keinen weiteren Netzausbau: zu teuer, zu langwierig und für alle anderen Verkehrsteilnehmer nur schwer erträglich. Die politisch gewünschte neue Innenstadtringlinie, deren Baubeginn die Planer unverbindlich mit dem Vermerk „voraussichtlich 2029“ versehen haben, ist schon heute geeignet, die später einmal betroffenen Anwohner, Geschäftsleute und Autofahrer in Alt- und Neustadt in Angst und Schrecken zu versetzen. Wenn sich bis zum ersten Spatenstich niemand findet, der für ein funktionierendes Baustellenmanagement sorgen kann, sollte man die Finger besser gleich davon lassen, sich einmal quer durch die City – also von der Ludwigsstraße aus über Flachsmarktstraße und Große Bleiche bis zur Rheinallee – zu wühlen. Dass solche Vorhaben grundsätzlich möglich sind,  hat der Bau der 2016 vollendeten Mainzelbahn-Strecke zwar bewiesen. Dort allerdings gab es eine bereits festgelegte Trasse, und die führte größtenteils durch Felder und Wiesen und nicht mitten durch das Herz von Mainz.